„Selbst in Stuttgart kann man heute gut Rad fahren“

7. Mai 2026
Foto zum Abschluss der Veranstaltung (v.l.): Silvia Fischer, frühere Stadträin, Fraktionsvositzende Petra Rühle, Fraktionsvositzender Björn Peterhoff, Winfried Hermann, Stadträtin Afina Albrecht, Stadtrat Marcel Roth, Stadträtin Gabriele Munk, Stadträtin Beate Schiener. Foto: Redaktion

Bei unserem Gesprächsabend „Wende mit Winne“ am 29. April 2026 haben wir gemeinsam mit Winfried Hermann auf 15 Jahre Verkehrspolitik in Stuttgart zurückgeblickt – und zugleich den Blick nach vorn gewagt.

Gleich zu Beginn – nach der Begrüßung und Einführung durch unsere Fraktionsvorsitzende Petra Rühle – sorgte ein kurzer Film für Schmunzeln: Jugendliche warten irgendwo in der Pampa auf den Bus. Irgendwann kommt der Bus, die Tür öffnet sich – und der Blick fällt auf den Mann am Steuer. „Ich kenn den. Denkst du, was ich denke? Hollywood, Bro. Bruce Willis in dem Bus, das glaubt uns niemand!“ Die beiden sind so irritiert, dass sie die beiden Mädchen, die gerade aus dem Bus gestiegen sind und eigentlich mit ihnen verabredet sind, erst einmal gar nicht beachten. „Der Film aus den 2010er-Jahren steht für eine neue Art der Politik und der Kommunikation“, sagt Winfried Hermann über die Landeskampagne „Neue Mobilität. Bewegt nachhaltig.“ Und weiter: „Es war überraschend, dass man so für den ÖPNV wirbt.“.

Nach diesem lockeren Einstieg ging es ans Eingemachte: In einem eineinhalbstündigen Gespräch, moderiert von unserer Stadträtin Afina Albrecht, haben Winfried Hermann und unser Fraktionsvorsitzender Björn Peterhoff darüber gesprochen, was sich in den vergangenen 15 Jahren – so lange war Winfried Hermann Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg – verkehrspolitisch im Land und insbesondere in Stuttgart verändert hat.

Moderne Verkehrspolitik
In Kürze: Die Schiene wurde ausgebaut, das ÖPNV-Angebot verdichtet, die Preise im Nahverkehr gesenkt, die E-Mobilität vorangebracht sowie Rad- und Fußverkehr gestärkt. Hinzu kommen zahlreiche Verbesserungen rund um S21. All das sind wichtige Bausteine einer modernen und nachhaltigen Verkehrspolitik, für die Winfried Hermann steht.

Verbesserungen für Stuttgart
Und was hat sich seit 2011 konkret in Stuttgart verbessert? Gerade beim ÖPNV ist die Liste lang: steigende VVS-Abozahlen, die Tarifzonenreform 2019, mehr Nachtbusse und ein dichterer Takt im Nachtverkehr der SSB. Zudem hat der ÖPNV den motorisierten Individualverkehr beim Modal Split inzwischen eingeholt. Auch die Zahl der E-Busse wächst kontinuierlich.

Dazu sagt Björn Peterhoff: „Bis 2027 wird die SSB alle Busse der Innenstadtlinien auf emissionsfreie Busse umstellen, bis 2035 dann die gesamte Flotte.“ Klar sei aber auch: Ohne die Förderung des Landes wäre diese Umstellung kaum möglich. „Ich habe mehrmals sehr große Schecks an die SSB übergeben, worüber sie sehr glücklich waren“, so Winfried Hermann.

Radstrategie wirkt
Gemischter fällt die Bilanz beim Radverkehr aus. Ein Beispiel sind die Radschnellwege. „Ich hätte nie gedacht, dass wir für Radschnellwege so lange brauchen wie für eine Autobahn“, sagt Winfried Hermann. „Eigentlich sollten mehrere in Stuttgart enden.“ Trotzdem bleibt festzuhalten: Winfried Hermann hat den Radverkehr zum ersten Mal überhaupt in die Landespolitik gebracht. Die Radstrategie des Landes hat dazu geführt, dass der Ausbau der Radinfrastruktur deutlich an Fahrt aufgenommen hat. „Auch, weil Geld aus dem Straßenbau übrig war, das für Radwege genutzt werden konnte“, so Hermann.

Mehr Umverteilung
„Selbst in Stuttgart kann man heute gut Rad fahren“, zieht Winfried Hermann Bilanz. Seit dem Radentscheid 2019 wurden rund 500 Projekte angestoßen. Björn Peterhoff fasst zusammen: „Die kontinuierliche Erhöhung des Radetats, die wachsende Zahl an Fahrradstraßen – von zwei im Jahr 2018 auf neun im Jahr 2025 – und die enormen Zuwächse an den Zählstellen zeigen: Der Knoten ist geplatzt.“

Auch wenn die Umsetzung oft zu lange dauert und der Ausbau vielerorts noch nicht systematisch genug erfolgt, hat sich in den vergangenen Jahren vieles bewegt. Ein aktuelles Beispiel ist die Umweltspur auf der König-Karl-Straße in Bad Cannstatt. „So eine Umverteilung muss auch an anderen Stellen stattfinden“, fordert Björn Peterhoff.

Genau darum geht es auch bei Projekten wie der Umgestaltung der B14, dem Superblock West oder der Aufwertung des Schützenplatzes, die während des Gesprächs ebenfalls Thema waren.

Tempo, Tempo
Weiter geht auch die Debatte um Tempo 30 und Tempo 40. Stuttgart gilt bundesweit als Vorreiter bei Tempo 40: Seit 2020 gilt auf vielen Hauptstraßen Tempo 40. „Meine Nachfolger*innen werden es schwer haben, diese Regelung zurückzudrehen, weil die neuen EU-Grenzwerte für Luftschadstoffe sonst kaum eingehalten werden können“, sagt Winfried Hermann.

Björn Peterhoff ergänzt: „Auch Tempo 30 wird an vielen Stellen kommen – insbesondere vor Kitas, Schulen und Altenheimen.“ Mehr Sicherheit sollen zudem Schulstraßen und Schulzonen bringen.

„Vieles konnte verbessert werden“
Auch Stuttgart 21 wurde während des Abends diskutiert: „Wenn S21 je in Betrieb geht, ist es ein anderes Projekt, als es ursprünglich war. Denn vieles konnte verbessert werden“, so Winfried Hermann. Gemeint sind unter anderem der Erhalt der Panoramabahn, die Digitalisierung des Bahnknotens, die Wendlinger Kurve sowie das Nahverkehrsdreieck Feuerbach – Vaihingen – Cannstatt. „Damit wird das Engpassproblem von S21 gelöst“, so Hermann.

In diesem Zusammenhang erinnert Björn Peterhoff an den einstimmigen Beschluss des Gemeinderats zum Erhalt der Panoramabahn und ergänzt: „Die Sanierung der Panoramabahn muss jetzt schnell umgesetzt werden.“

Was die Fertigstellung von S21 angeht, bleibt Winfried Hermann allerdings vorsichtig: „Ich mache keine Prognose mehr. Einstweilen galt 2024, einstweilen galt 2025 – einstweilen gilt: wird später.“

„Wir brauchen engagierte Bürgerschaft“
Der Gesprächsabend im Rathaus mit rund 200 Teilnehmenden endete mit einem Ausblick und der Frage: Wo steht Stuttgart in fünf Jahren? Winfried Hermann und Björn Peterhoff zeigten sich optimistisch, dass die Verkehrswende weiter Fahrt aufnehmen wird.

„Ich glaube, es wird nicht am Geld liegen“, so Winfried Hermann. Und weiter: „Wir brauchen eine engagierte Bürgerschaft. Denn wenn bürgerschaftliches Engagement gut organisiert ist, treibt das auch den Oberbürgermeister und den Gemeinderat um.“

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