Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.

Gedenkort Stuttgart

Die Neuordnung des “Quartiers am Karlsplatz” schlägt seit einiger Zeit hohe Wellen in der Stuttgarter Stadtgesellschaft. Streitobjekt ist die ehemalige Gestapozentrale in der Dorotheenstraße 10, die für den Neubau weichen soll. Für die sachliche Auseinandersetzung lud die Fraktion der Grünen im Stuttgarter Gemeinderat zu einer Diskussionsrunde ein. Diese sollte klären, wie die Wertschätzung gegenüber der Geschichte des Ortes und die Form des Gedenkens aussehen kann. Besonderes Augenmerk lag dabei auf den Argumenten der zukünftigen Bauherren – dem Haus Breuninger und dem Land Baden-Württemberg –, die in der öffentlichen Debatte bisher kaum geäußert wurden.

Einleitend begrüßte der Fraktionsvorsitzende Werner Wölfle das besondere bürgerschaftliche Engagement der zahlreich erschienenen Vertreter der Initiative „Lern- und Gedenkort Hotel Silber“. Die Politik profitiere von einer aktiven Stadtgesellschaft.
Michael Kienzle begrüßte die Vertreterin des Finanzministeriums Dr. Gisela Meister-Scheufelen und Willem van Agtmael vom Haus Breuninger. Die Stadt Stuttgart wurde durch die Kulturbürgermeisterin Dr. Susanne Eisenmann repräsentiert. Peter Grohmann war leider kurzfristig verhindert.
Außerdem umriss er den Standpunkt der Grünen: Ziel ist es, die Planungen aktiv in Richtung eines angemessenen Gedenkortes im neuen “Quartier am Karlsplatz” zu gestalten. Auch wenn im Wettbewerb keine Vorschläge zum Erhalt des Gesamtgebäudes gemacht wurden, steht der Erhalt der Kellerraum außerhalb jeder Diskussion. Das Ergebnis soll sowohl die Ansprüche der Zeitzeugen respektieren und gleichzeitig junge Menschen für die Geschehnisse sensibilisieren.

Eine Idee nimmt Gestalt an
Bereits früh in der Planung zur Umgestaltung des Quartiers wurde den Beteiligten die Sensibilität des Ortes bewusst. Gleichzeitig wurde dargestellt, dass sich das Projekt – immerhin die größte Baumaßnahme des Landes Baden-Württemberg und eine erhebliche Investition des Unternehmens Breuninger – nur mit einer vollständigen Umgestaltung verwirklichen lässt. Das Hotel, die Büros für die Ministerien, die Ansprüche der Urbanität sowie des öffentlichen Raums benötigen die vorgesehenen Flächen. Der Erhalt der ehemaligen Gestapozentrale sei unter der jetzigen Projektplanung nicht umsetzbar. Dies betonte sowohl Herr van Agtmael als auch Frau Dr. Meister-Scheuffelen. Ein Ende der Pläne würde die bestehende Hinterhofatmosphäre am Karlsplatz auf Jahre zementieren.

Authentizität des Ortes
Aufgrund starker baulicher Veränderungen nach dem 2. Weltkrieg hat das heutige Gebäude an der Dorotheenstraße nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Gebäude der NS-Zeit. Aus diesem Grund steht es auch nicht unter Denkmalschutz.
Um die historische Bedeutung des Ortes dennoch angemessen einzuschätzen, wurde ein Restaurator mit der Suche nach Spuren der Opfer beauftragt. Weder die Kellerstruktur noch die Originalwände sind erhalten. Der Fachmann konnte keine Zeugnisse aus der NS-Zeit finden. In der Fachsprache bedeutet dies: Der Keller spricht nicht mehr aus sich selbst.
Trotz dieser fehlenden materiellen Authentizität dürfe jedoch die Authentizität des Ortes nicht unterschätzt werden. Aus dieser Erkenntnis leitet sich für das Land und das Unternehmen Breuninger die Verantwortung für den Erhalt der Kellerräume ab. In der Fortführung des Architektenwettbewerbs muss nun dieser Gedenkort inhaltlich ausgestaltet werden und trotz der veränderten Fassade von außen als solcher zu erkennen sein. Die neuen Räume müssen in eine übergreifende Gedenkortstruktur überführt werden.
Ein Gestaltungswettbewerb für den Innenraum mit Künstlern unter der Leitung des Wissenschaftsministeriums und der Federführung des Hauses der Geschichte wird dies leisten. Herr Dr. Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte, betonte, dass eine Alibi-Veranstaltung mit seinem Institut nicht zu machen sei – auf die Ernsthaftigkeit der Planung also vertraut werden könne. Die geforderte zentrale Forschungsstätte sei allerdings hier nicht notwendig. In Sichtweite der ehemaligen Gestapozentrale besitzt die Landesbibliothek ein herausragendes Archiv zur Landesgeschichte in der NS-Zeit und die nötigen Räume zur intensiven Forschung. Gedenken und Vermittlung sind in der Dorotheenstraße 10 klar verwurzelt, Forschung kann auch an anderer Stelle stattfinden.

Podium

Von rechts nach links: Dr. Michael Kienzle (Stadtrat), Dr. Susanne Eisenmann (Kulturbürgermeisterin Stuttgart), Willem van Agtmael (Unternehmen Breuninger), Dr. Gisela Meister-Scheuffelen (Finanzministerium Baden-Württemberg)

Der niederländische Blickwinkel
Als langjährigem Stuttgarter Bürger liegt Willem van Agtmael die Entwicklung der Stadt und des Unternehmens Breuninger am Herzen. Gerade in an seinem Hauptstandort drohe das Traditionshaus abgehängt zu werden. Aus dieser Sorge resultierten erste Überlegungen zur Aufwertung des Quartiers, mit denen er beim damaligen Ministerpräsidenten auf Zustimmung stieß.
Die Diskussion über das Hotel Silber hat ihm den Unterscheid zwischen der niederländischen und deutschen Aufarbeitung der NS-Zeit deutlich gemacht. Diese niederländische Sichtweise auf das deutsche Thema wolle er sich bewahren. Die Einrichtung eines Gedenkortes stand damit für ihn außer Frage, allerdings fehlte es an Plänen für die konkrete Umsetzung. Grundsätzliche Frage war, ob für einen Täterort eine Gedenkstätte geschaffen werden solle, oder wie das angemessene Gedenken an die Opfer von dem Gebäude abgekoppelt werden könne. Die Lösung ist aus seiner Sicht ein sachorientiertes Konzept, das auf die Qualität des Gedenkortes und nicht auf die Quantität der Quadratmeterzahl ziele. In zukunftsweisender Architektur soll mit modernen museumspädagogischen Gestaltungsmitteln ein Ort der Information entstehen. Die Ortsgebundenheit des Gedenkortes ist hierbei zentral und nicht das bestehende Gebäude. Bestätigt wurde dieser Blickwinkel durch den ebenfalls anwesenden Architekten Stefan Behnisch. Die deutsche Erinnerungskultur habe den Hang dazu, Gedenken an materiellen Objekte zu binden. Auch er sprach ausschließlich von örtlicher Authentizität, die mit einer komplexen Vermittlungsarbeit verbunden werden müsse. Die Architektur könne hierfür die Rahmenbedingungen schaffen, inhaltliche, didaktische Lösungen seien von Pädagogen zu leisten.

Nur die Tafel am Eingang reicht nicht mehr aus
Ergänzt wurde diese Position durch die Ideen von Bürgermeisterin Eisenmann. Die Stadt Stuttgart ist Partner im Umgang mit dem „Hotel Silber“. Ausdruck finde diese Partnerschaft mit einem von der Stadt organisierten öffentlichen Hearing am 17. Juli.
Zur zukünftigen Ausgestaltung von „Gedenken“ werden Gäste aus der Bundesrepublik und Experten aus Gesamteuropa Stellung nehmen. Zentral seien hier zwei Themengebiete.
Die deutsche Gedenkkultur befindet sich im Moment im Umbruch, da Zeitzeugen zur Erinnerungsarbeit zunehmend nicht mehr beitragen können und die nachwachsenden Generationen zunehmend einen Migrationshintergrund besäßen. Die Vermittlung an nachrückende Generationen steht damit vor Herausforderungen. Jeder neue Gedenkort muss sich mit den Bestehenden auseinandersetzen und die Vernetzung untereinander vorantreiben. Neue Elemente müssen sich besonders auf die Vermittlung an junge Leute konzentrieren.
Gleichzeitig muss sich der Umgang mit der NS-Zeit im nationalen und internationalen Bereich vergleichen. Gedenken differenziert sich zunehmend anhand der Opfergruppen aus. Der Vergleich mit anderen Städten gibt gute Beispiele wie mit den neuen Gegebenheiten umgegangen werden könne. Neue Partner, wie etwa Organisationen der Jugendarbeit, eröffnen neue Wege, um das Thema an Jugendliche zu vermitteln. Eine besondere Herausforderung ist die Vermittlung deutscher Geschichte an Jugendliche mit Migrationshintergrund. Zu diesen Themengebieten erhofft sich Bürgermeisterin Eisenmann Antworten nach dem Hearing am 17. Juli, die in konkrete Forderungen an die Bauherren herangetragen werden sollen.

Publikum

Versäumnisse in der Stuttgarter Stadtgeschichte
Die angeregte nachfolgende Diskussion bewies, dass der angemessene Umgang mit der eigenen Stadthistorie und deren Überführung in eine Erinnerungskultur bisher vernachlässigt wurde. Großer Vorwurf der anwesenden Gäste war das bisherige Versäumnis der Stadt Stuttgart die Vorkommnisse während der NS-Zeit angemessen aufzuarbeiten und in eine entsprechende Erinnerungskultur zu überführen. Die Neigung zur „Geschichtsblindheit“ und zu vieler unbekannter (Verbrechens-)Orte wurde einhellig anerkannt.
Unvereinbar sind jedoch die unterschiedlichen Herangehensweisen an eine stadt- und landesgeschichtliche Gedenkstruktur. Sehen die Einen die Notwendigkeit eines zentralen, landesweiten Gedenkorts, der alle Opfergruppen integriert, weisen die Anderen auf einen Landtagsbeschluss hin, der dezidiert eine dezentrale Erinnerungsstruktur fordert. Dies kommt sowohl den historischen Gegebenheiten, einem dezentralen System zahlreicher Außenlager, als auch den Bedürfnissen von Bürgerinitiativen und Opfergruppen entgegen.

So bestätigte sich der Ansatz der Grünen auch im Gespräch mit der Bauherrenseite, dass ein Gedenkort am Ort des Neubaus außer Frage steht. Hier darf die Entwicklung allerdings nicht enden, vielmehr muss es Ziel der nächsten Jahre sein, die NS-Geschichte Stuttgarts weiter für die nächsten Generationen aufzuarbeiten und die Vernetzung der bestehenden Orte zu einem Erinnerungsnetz zu verflechten.

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