Lust auf Stadt. Bündnis 90/Die Grünen bei der Kommunalwahl Stuttgart 2009.

Wohnen in der Stadt

Drängende Fragen zu Urbanität und modernen Städtebau beschäftigen Stuttgart. Ob nun am Karlsplatz oder auf dem A1. Lebte man im Mittelalter noch in der Nähe des Marktplatzes, zog es die Menschen in Folge der Industrialisierung an die Ränder der Stadt. Dieser Prozess kehrt sich nun wieder um – man spricht von der Renaissance der Städte. Doch der Wohnungsbau in den Innenstädten wurde in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt.
Das Eigenheim im Grünen stand lange im Vordergrund jeder Stadtentwicklung. Viele Menschen möchten nicht mehr zwischen Arbeitsplatz und Wohnort pendeln. Einkaufsmöglichkeiten, die Kita und kulturelle Einrichtungen sollen möglichst um die Ecke liegen. All dies bieten Städte.
Auf dieser Basis diskutierten die Teilnehmer der Erdgeschoss-Veranstaltung „Wohnen in der Stadt!“ mit dem Architektursoziologen Prof. Dr. Tilman Harlander vom Institut Wohnen und Entwerfen der Universität Stuttgart. Wie kann man Quartiere umnutzen? Wie soziale Probleme mittels Wohnraum verhindern? Wie zieht man die so genannte „kreative Klasse“ an, ohne dass der Charakter von Wohngebieten verloren geht?

Gängeviertel Hamburg

Das Gängeviertel, Michael Rauhe

So nicht – Blick nach Hamburg

Zu Beginn führte der Vortrag ins ferne Hamburger Gängeviertel. Das alte Viertel in bester Lage wird von einer vielfältigen Mischung aus Künstlern, Familien und weniger gut betuchten Menschen bewohnt. Im Zuge der Aufwertungsstrategie veräußerte der Hamburger Senat das gesamte Viertel an einen Investor, dieser wollte die alte Struktur des Viertels abreißen und neue hochwertige und damit teure Wohnungen schaffen. Doch das Vorhaben scheiterte. Bundesweit sorgten die Proteste der Anwohner für Aufsehen. Die Stadt Hamburg musste zurückrudern und für viel Geld den Vertrag mit dem Investor abwickeln.
Aufwertung findet trotzdem statt – das Gängeviertel hat es auch dringend nötig. Doch diesmal werden die Qualität und der Charakter des Viertels erhalten.

Einiges liegt bei Bauprojekten in Hamburg im Argen. Die chaotischen Zustände und Kostenexplosionen beim Bau der Elbphilharmonie sind nur die Spitze des Eisbergs. Ein Prestigebau wird um jeden Preis verwirklicht, auf Bezirksebene fällt in Schulen der Putz von der Decke. Die Proportionen der Stadtentwicklung haben sich negativ verschoben. Ein Schelm wer nicht an Stuttgart 21 denkt.

Das gesamte neue Areal der Hafencity ist ein Musterbeispiel an zeitgenössischer Architektur. Dennoch stehen die Gebäude völlig autistisch auf dem Gelände, erst recht findet keine bauliche Anbindung an die historische Speicherstadt statt. Wohnen ist hier nur mit dem entsprechenden Portmonee möglich.

Kreative Klasse als Zielgruppe

Städte konkurrieren seit einiger Zeit um die so genannte „kreative Klasse“. Diese Gruppe arbeitet in wissensintensiven Bereichen, hat besondere Ansprüche an die Wohnumgebung und häufig auch das Geld, um dies zu verwirklichen. Bisher ist noch nicht vollständig geklärt, was die kreative Klasse anzieht. Werte wie Urbanität und eine kosmopolitische Atmosphäre spielen eine große Rolle. Trotz dieser unklaren Ausgangslage planen Stadtplaner für diese wirtschaftlich solvente Gruppe ganze Quartiere in bestehende Kiezstrukturen. Doch die neuen Quartiere profitieren ausschließlich von dem bestehenden Stadt- und Sozialgefüge, sie geben nichts an die Umgebung zurück. Erste Zeichen des Auseinanderlebens der Stadtgesellschaften lassen sich auch bei den „Gated Communities“ oder Gemeinden für Menschen über 60 beobachten. Die Entwicklung steht in Deutschland noch am Anfang. Korrekturen müssen aber jetzt bereits eingeleitet werden, um das Auseinadertriften zu verhindern.

Nur langsam kommen die Stadtverwaltungen zur Einsicht: Städte sind keine Marken, Städte sind auch keine Unternehmen. Sie sind zuallererst Gemeinwesen und müssen entsprechend gestaltet werden. Damit Wohngebiete lebendig bleiben, muss Wohnen auch bezahlbar sein

Hafencity

Die Hamburger Hafencity, Bernd Sterzl/Pixelio

Was ist die „europäische Stadt“?

Die „europäische Stadt“ im besten Sinne, ist eine in vielen Beziehungen gemischte Stadt. Quartiere müssen sowohl sozial, ethnisch als auch vom Alter der Bewohner gemischt sein. Gebäude sollen unterschiedlichen Funktionen wie Wohnen und Arbeiten erfüllen und typologisch verschieden sein. Nur Stahl und Glas führt zu aussterbenden Quartieren. Dies wird vor allem durch verschiedene Bauträger ermöglicht und auch alte Gebäude haben eine wichtige Daseinsberechtigung für die Mischung im Quartier. Erst wenn in einem Quartier das Pendel zu einer Eigenschaft umschlägt, entstehen soziale Probleme.

Ein gelungenes Beispiel für eine Modellstadt ist das Baugebiet in Freiburg Rieselfeld. Die Stadtplaner sind hier auf Durchmischung in jedem einzelnen Block stolz. Dies ist ein Verdienst der aktiven Baugemeinschaften: Gruppen, etwa junge Familien, schließen sich zusammen, um Bauprojekte in die Wege zu leiten und die finanzielle Belastung zu teilen. Innovative Energiekonzepte können in der Gemeinschaft besser umgesetzt werden oder Integration von Behinderten oder alten Menschen gelingen. Gerade für diese Baugemeinschaften muss nicht in jeder Stadt das rechtliche Rad neu erfunden werden.

So geht´s – Blick nach München

Problematisch ist weiterhin, dass der Sozialwohnungsbau, das Tafelsilber der Kommune, erheblich zurückgefahren wurde. Sozialmietwohnungen schmelzen weg oder laufen aus der Preisbindung. In Stuttgart sind heute nur noch 7% des Wohnungsbestandes preisgebunden. Für die richtige soziale Mischung sind allerdings mindestens 10% geförderter Wohnungsbau im Bestand notwendig.
Doch es geht auch anders. Bundesweit bestes Beispiel ist München. Die Münchner begannen bereits in den 60er Jahren meinungsbildend voran zu gehen. 1994 wurde dann die große Anspannung auf dem Wohnungsmarkt in politischen Schwung umgewendet und das Programm der „Sozialgerechten Bodennutzung“ ins Leben gerufen. Hier wurde die Quote von 30% geförderten Wohnungsbau bei allen Bauprojekten fest geschrieben – selbst in Luxuswohnprojekten

Wo steht Stuttgart?

Prof. Harlander betonte, dass Stuttgart gegenüber vielen anderen deutschen Großstädten weit zurückliegt. In Stuttgart ist die Problematik des Wohnungsbaus noch nicht im Bewusstsein der Verwaltung und der Bürger angekommen. Überall trifft man auf große Vorbehalte gegen den sozialen Wohnungsbau. Auch beim Thema Baugemeinschaften steht Stuttgart gerade erst am Anfang. Die vorherrschende Meinung, dass für die Projekte in der Stadt das Klientel fehlt, konnte von den Grünen über das letzte Jahr hinweg nur gegen viel Widerstand revidiert werden. Erste Grundstücke am Killesberg und auf dem Olgäle-Areal sind für Baugemeinschaften freigegeben.

Diese Entwicklung weist in die Zukunft, denn Stuttgart verliert seit Jahren Familien an das Umland. Nur die klassischen Bildungswanderer, also Menschen von 18-30 Jahren in der Ausbildung oder Studenten an eine der Hochschulen, ziehen in das Stadtgebiet. Beginnt die Familienplanung, wird das Umland wieder attraktiver. Doch nicht etwa weil sich diese Menschen nach Ruhe und dem Häuschen im Grünen sehnen. Wer junge Familien nach Umzugs-Motiven fragt, erhält eine klare Antwort. Viele würden gerne bleiben, aber es fehlt an bezahlbarem und familiengerechtem Wohnraum in der Stadt.
Die Lösung dieses Anspruchs wird über die Zukunft vieler Städte entscheiden. Es geht nicht darum Stadtwohnen neu zu erfinden oder das Einfamilienhaus mit dem Stückchen Rasen in die Innenstädte zu verpflanzen. Alte Ideen der Townhouses müssen wiederbelebt und mit ansprechenden Erdgeschossbereichen in die Stadtszene integriert werden.
Auch der soziale Wohnungsbau muss dringend wieder einen Aufschwung erleben. Aus diesem Grund orientieren sich die Stuttgarter Grünen an dem erfolgreichen Münchner Modell und fordern bei jedem Neubau die Einplanung von 20% gefördertem Wohnungsbau. Nun muss nur noch die Verwaltung nachziehen.

Basisdebatten im Erdgeschoss